Q1: Welches Verhältnis hast du heute zum Unterrichten?

Seit 1990 habe ich Privatschüler. Davor war ich Lehrer an privaten Musikschulen und Leiter und Assistant Professor im Studiengangs Live Electronics an der Musikhochschule in Oslo.

Ich habe heute mehr denn je Freude daran, positive Veränderungen bei kreativen Menschen anzustoßen, die mich um Rat fragen. Ich habe auch Freude daran, mit ihnen Musik zu machen – und egal, wie jung oder alt jemand ist und auf welchem Level er oder sie spielt: Die gemeinsame Arbeit und der kreative Austausch auf Augenhöhe sind immer interessant und lehrreich.

Was ich geben kann, ist ein Vorsprung an Erfahrung und Wissen – und vielleicht habe ich Ideen schon umgesetzt, die andere erst noch haben werden. Grundsätzlich geht es mir in Unterrichtssituationen immer um gegenseitiges Vertrauen und Respekt voreinander. Und da das Gitarrenspiel ein sehr intimer Vorgang ist, sind Ehrlichkeit und Dankbarkeit in beide Richtungen essenziell.

Q2: Wie hat sich dein Gitarrenspiel in den letzten Jahren verändert?

In erster Linie hat sich meine innere Haltung zum Spielen und Üben geändert. Ich bin klar in dem was ich spielen möchte – und das deckt sich ziemlich mit dem, was ich spielen kann. Ich sehe das als große Bereicherung, ruhe spielerisch inzwischen in mir und in der Musik, die zu mir kommt und sich mit meiner Hilfe ihren Weg bis zum Publikum bahnt.

Noch vor einigen Jahren habe ich versucht, Zuhörer – und wohl auch mich selbst – mit meinem Spiel zu beeindrucken. Das klappte manchmal, aber oft war ich während und nach einer Performance frustriert und habe bei mir selbst die Verantwortung gesucht für dieses subjektive Gefühl des Versagens.

Nachdem dann im Jahr 2012 eine totale Erschöpfung diagnostiziert wurde (Burn-out), habe ich mich vom Gitarrenspiel zurückgezogen und mit dem Malen abstrakter Bilder begonnen. Hier konnte ich von vorne beginnen – niemand verlangte etwas von mir, auch ich selbst nicht. Und so durfte ich mit kindlicher Neugier und Tatendrang einfach nur Bilder malen und mich an deren Schönheit erfreuen oder über ihre Hässlichkeit wundern. Ich hatte kein Ziel, keine Absicht und kein Konzept – zumindest am Anfang.

Nach einiger Zeit habe ich das Malen zu meinem zweiten künstlerischen Standbein gemacht, Ausstellungen organisiert und tatsächlich Bilder verkauft. Ein Erfolg – doch dennoch ich habe mir das unbeschwerte Anfangsgefühl nicht nehmen lassen.

Als ich dann zur Gitarre zurückkehrte, konnte ich die Leichtigkeit mitnehmen, und bis heute arbeite ich daran, das Loslassen und das Verweilen im Space zu optimieren. Heute kann ich mich an meinem eigenen Spiel erfreuen, und wenn ich etwas übe, ist es ein tolles, bestärkendes Gefühl. Und um den Kreis zu schließen: Heute verstehe ich plötzlich so vieles, was ich in den 1990er-Jahren lernen wollte und manches davon fliegt mir heute zu. Vielleicht liegt es daran, daß ich ihm nicht mehr eine so grosse Bedeutung beimesse?!

Q3: Welchen Einfluss hatte deine Zeit in Norwegen und wie war das Unterrichten dort?

In den sieben Jahren, die ich in Norwegen gelebt und künstlerisch gearbeitet habe, habe ich viel über mich gelernt. Norwegische Musiker haben eine starke Identität, die auf ihrer Landeskultur basiert. Es gibt norwegische Volksmusik, die jeder dort kennt und mit der sich so gut wie jeder identifiziert.
Der Staat unterstützt seine Musiker schon in sehr jungen Jahren, und als ich als Assistant Professor an der Musikhochschule in Oslo unterrichtet habe, war auch ich ein Insider in diesem absolut organischen und gesellschaftlich getragenen norwegischen Kulturbetrieb.
Ob heute noch so rosig ist, weiß ich nicht – habe aber gehört, dass sich der politische Wind doch sehr gedreht hat.
Ich bin auf jeden Fall dankbar für die künstlerisch tollen Jahre, da ich mit fast jedem norwegischen Musiker und jeder Musikerin gespielt habe, die ich dafür auf dem Plan hatte.
Die Zeit hat mich geprägt – mein Spiel ist schon damals ruhiger, intuitiver und auch achtsamer geworden. Und das meine ich sehr positiv: Musik, die aus dem Unterbewusstsein und der Automation kommt, ist reifer und runder als die Musik von Leuten, die mehr und mehr wollen und versuchen. „Trying hard“ erzeugt während einer Performance immer Unsicherheit – und die hört man.

Q4: Siehst du dich denn heute als Gitarrist, Elektronik Musiker oder Maler?

Ich sehe mich als Künstler – egal, ob ich ein Instrument spiele, male, komponiere, schreibe oder Fotos mache. Ich habe meine persönlichen ästhetischen Parameter, und die wende ich an. Dabei ist die künstlerische Disziplin untergeordnet – ich arbeite immer an der Sache, die mich gerade interessiert. Technische Zusammenhänge, Übungen, theoretische Hintergründe – all das hat Einfluss auf meine künstlerische Arbeit. Jede Wissenslücke, die sich schließt, ist eine Brücke zu einer neuen Kreativinsel, auf der ich mich künstlerisch bewege.

Q5: Zurück zur Musik: Siehst du dich heute als Jazzmusiker?
Oder in welcher Stilistik fühlst du dich zu Hause?

Ich liebe die Fusion von Stilen, den Crossover, die Musik, die aus dem Herzen kommt – eine kosmische Mixtur aus allem, was mir lieb und wertvoll ist. Jazz-, Rock-, Improvisations-, Noise- und Ambient-Elemente mische ich so lange, bis sich eine subjektive, kohärente Einheit ergibt: This Kind of Music. Und diese kreative Vorgehensweise möchte ich auch meinen Schüler*innen bestmöglich vermitteln.

Q6: In welchem Verhältnis steht deine musikalische Arbeit zu deiner Erfahrung als bildender Künstler?

Das abstrakte Malen, die damit verbundene Beschäftigung mit Farben statt Tönen und die für einen Musiker zunächst ungewohnte Erfahrung, sein Werk mit einem Blick in seiner Gesamtheit erfahren zu können, hat mir viel Freiheit und Detachment* gelehrt. Ein Musikstück muss ich ja immer wieder ganz hören, um die Komposition bzw. die Spannungsbögen einer Improvisation ganz zu erfassen. Aber ohne es wirklich benennen zu können: meine abstrakten Bilder und meine Musik stellen für mich eine Einheit dar. Meine Arbeitsabläufe haben zwar unterschiedliche Techniken als Basis, aber die Emotionen, die während der Entstehungsprozesse aufkommen, sind aus Künstlerperspektive gleich.

*Das Detachment / detached:
Detached zu sein beschreibt den Zustand, in dem man frei von emotionalen Bindungen, Bewertungen und Erwartungen ist. Es bedeutet, eine Handlung – wie etwa das Spielen eines Instruments – ohne Anhaftung an Ergebnis oder Urteil auszuführen. Man ist vollständig im Moment, lässt sich weder von äußeren noch von inneren Einflüssen mitreißen. Man ist achtsam, innerlich ruhig, wertungsfrei, angstfrei, losgelöst und zugleich präsent.

Q7: Welche Erfahrungen waren am einflussreichsten für deine musikalische Entwicklung
und welche Personen waren für dich künstlerisch wegweisend?

Jede Begegnung mit anderen kreativen Menschen hat meine künstlerische Entwicklung beeinflusst. Es gibt Projekte und Phasen, die mir heute besonders in Erinnerung geblieben sind, z. B. das noch sehr frische Privatstudium von Effortless Mastery mit Kenny Werner (2023–2025), meine Band Matalex (1992–1999) und meine künstlerische Arbeit mit all diesen großartigen skandinavischen Musikern und Musikerinnen in Norwegen (2006–2012).

Alle Begegnungen mit künstlerischen Menschen sind wichtig; wechsele ich meine Perspektive, verschieben sich die Gewichtungen. Auch meine Studienzeit am Berklee College of Music in Boston (1985–1988) hat mich sehr beeinflusst, und ich habe heute noch Zitate meiner damaligen Lehrer im Kopf. Im Laufe der Zeit machen manche davon immer mehr Sinn z. B. wies uns Gary Burton wiederholt darauf hin, wie er niemals in grossen Zeitblöcken geübt hat sondern immer mal ein Stück im Vorbeigehen auf seinem Vibraphone von vorne bis hinten, mit Intro und Outro so spielte, wie er es auch in einem Konzert tun würde…oder Jim Odgren, der uns dazu anhielt mehr an unseren Stärken zu arbeiten, als an unseren Schwächen („Simple, but not easy!“ Kenny Werner)

Grundsätzlich kann ich mich für die kreativen Welten anderer schnell begeistern, und mich im Werk und den künstlerischen Ideen anderer treiben zu lassen, hat mir stets Freude bereitet und einen großen Einfluss auf mein eigenes künstlerisches Schaffen gehabt. Die musikalische Motivation von Miles Davis in seinen unterschiedlichen Phasen für mich zu deuten, die ästhetischen Entwicklungen Gerhard Richters, das außergewöhnliche Spiel von Jimi Hendrix, die nicht versiegende Quelle der Kreativität von Bill Frisell oder der Beitrag der Produzenten Rick Rubin und Brian Eno zur Entwicklung der Rock- und Popmusik …